FeG EK - miteinander leuchten wir heller

Jahreslosung 2011

    Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12,21
  Bild Otto K. H. Aurin    

Bildbesprechung zum Jahresbild 2011

Von Otto K. H. Aurin

  1. Beschreibung

Ein Bild ist ein Informationsträger, eine Botschaft, ähnlich wie ein Brief, eine E-Mail, ein Paket. Aus der Kommunikationslehre wissen wir: Alles ist Botschaft. Es kommt nur darauf an, wie und mit welchen Methoden wir diese entschlüsseln.

Eine Bildbeschreibung ist wichtig, um sich erst einmal darüber klar zu werden, was nachweislich von jedermann gesehen und erkannt werden kann, unabhängig von den Absichten und Deutungen, von bewussten oder unbewussten Inhalten (versteckten Botschaften) eines Gemäldes.

 

Die Beschreibung folgt der Fragestellung: Was ist auf dem Bild zu erkennen? Dabei ist es hilfreich, die Aufmerksamkeit auf folgende Aspekte legen:

Allgemeine Informationen

Größe:

Malgrund:

Farben:

Motiv:

Thema:

Struktur:

Besonderheiten:

Anregungen:

 

 

80 X 120 (Ausmaße haben eine eigene Wirkung)

Leinen weiß grundiert (vorgefertigt, billiger)

Acryl / Kontraste: (hell-dunkel) (warm- kalt), bunt

Gegenständlich /Landschaft / Stadtlandschaft

Jahreslosung 2011 /metaphorisch/ übertragbar/ surreal (unwirklich)

Bildaufbau: mosaikartig /perspektivisch/Raumaufteilung

Schriftbild: Schwabacher Fraktur/

Paul Klee/ Ton Schulten /Andreas Felger u.a.

2. Bedeutung

 

In einem zweiten Schritt geht es um die Deutung, die Sinnfindung oder –gebung eines Bildes im Ganzen wie im Detail.

Sie folgt der Fragestellung: Was sagt mir, uns dieses Bild?

Also nicht die übliche Frage: Was will der Maler uns damit sagen, sondern: Welche Wirkung und Aussagekraft hat das Bild auf mich persönlich? Welche Ideen, Erinnerungen, Anknüpfungspunkte, Phantasien, Einsichten kommen mir bei der Betrachtung eines Bildes?

Dieser Gedanke war auch der leitende Ansatzpunkt für die Bitte, dass sich interessierte Betrachter, dieses Bild ansehen und dazu eine persönliche Stellungnahme formulieren sollten.

Sechs Betrachter sind dieser Aufforderung gefolgt und haben ihre Ideen in sehr guter Weise schriftlich dargelegt. Eine Vielzahl weiterer Personen hat sich mündlich zu dem Bild geäußert. Dabei ist insgesamt eine Fülle von Ideen, Eindrücken und Erklärungen, Vermutungen und Wertungen zusammen-gekommen, die ich im Folgenden versuche, in eine Gesamtbotschaft einfließen zu lassen. Meine eigenen Absichten und Erklärungen werde ich selbstverständlich nicht zurückhalten.

  1. Interpretation
  2. 1. Gemeinsames und Persönliches

Beim Lesen der Besprechungen zeigte es sich, dass ein großes übereinstimmendes Verständnis vorliegt. In einzelnen Teilen wurden aber auch unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt und ganz persönliche Sichtweisen und Meinungen geäußert.

Man könnte in Anlehnung an die Bibelforschung von einem „Gemeinsamen Gut“ aller Betrachter und vom „Sondergut“ der einzelnen Interpreten sprechen.

Dieser Umstand macht deutlich, in welch‘ selbstverständlicher Weise wir ausgehend von derselben Grundlage zu verschiedenen Folgerungen und Ideen gelangen. Allein diese Tatsache ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Vielfalt religiöser Meinungen, Richtungen und Gruppierungen auf dem einen Fundament, der Bibel, entwickelt haben und immer noch entstehen. Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Meinungen gehören also sozusagen zum Programm des Christseins wie des geistig-religiösen Lebens überhaupt.

Man sollte sich deshalb nicht in sein Glaubensgebäude einmauern, alle anderen Überzeugungen als falsch und bedrohlich ansehen oder gar bekämpfen. Stattdessen ist es hilfreicher, sich auf die gemeinsame Basis, die in der Regel viel breiter ist, als man selbst annimmt, zu besinnen und das Übereinstimmende hervorzuheben. Dies geschieht in der Regel am Besten im gemeinsamen Austausch, im Gespräch, in der Begegnung miteinander.

3.2. Gemeinsame Gesichtspunkte

  1. 2.1 Ein buntes Bild?

Die vielen verschiedenen Farben bewirkten bei allen den Eindruck eines schönen, freundlichen, bunten, gefälligen, harmonischen Bildes.

Buntheit verweist auf Vielfalt. Gut und Böse treten nicht in deutlich abgrenzbaren Bereichen, Verhaltensweisen oder Formen hervor, sondern können die unterschiedlichsten Farben und Farbnuancierungen annehmen.

Was heute gut war, kann morgen schlecht sein - und umgekehrt.

Wer einen schlechten Eindruck macht, kann ein herzensguter Mensch sein- und umgekehrt.

Wer heute Gewinner ist, kann morgen Verlierer sein - und umgekehrt.

Was gestern richtig war, kann heute falsch sein und morgen wieder richtig.

Dieser Gedanke, dass das Gute und Böse nicht klar zu trennen sind, wird von allen Betrachtern in gleicher Weise so gesehen und verstanden. Es wird eher eine gegenseitige Durchdringung angenommen. So sind z. B. auch in dem dunkleren Bildbereich, der dem Betrachter das Böse nahe legt, durchaus Kirchen zu finden. Wobei einerseits die Vermutung geäußert wurde, dass die Kirchen vielleicht nicht nur Repräsentanten des Guten sind. Anderseits wird auch gesehen, dass die Kirchen und Gemeinden eine Aufgabe in dieser finsteren Welt zu erfüllen haben, worauf die leuchtenden Kuppeln schließen lassen. Diesem Gedanken bin auch ich gefolgt und habe deshalb spitze und zwiebelförmige Kuppeln und im Hintergrund eine einfache Kapelle auf dem Berg ins Bild gesetzt.

Diese lassen den Verweis auf die verschiedenen christlichen Konfessionen oder Richtungen zu.

Beachtenswert erscheint mir der Hinweis eines Betrachters, dass in dem gesamten Bild kein wirklich bösartiges Schwarz auftaucht, ja, dass selbst in den untersten und dunkelsten Bereichen noch helle Farben hindurchschimmern. Von daher das

Fazit: Wir sollten mit unseren Urteilen über andere vorsichtig sein, uns besser sogar ganz enthalten, auch wenn es uns schwerfällt. Ich erinnere an das Gleichnis Jesu vom Unkraut unter dem Weizen. Ein missgünstiger Bösewicht sät eines Nachts Unkraut unter den sauberen Weizen des braven Mannes. Die Knechte des braven Bauern möchten das Unkraut gerne ausreißen. „Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte“, rät Jesus (Mt. 13, 24 ff.).

  1. 2.2. Farbsymbolik

Die vorherigen Bemerkungen stehen der Tatsache nicht entgegen, dass sich in dem Bild einzelne Farbbereiche recht deutlich unterscheiden und auch erläutern lassen.

So haben dunkle und kühle Farben in den linksseitigen und unteren Bildbereichen einen höheren Anteil. Dies wird von den Betrachtern übereinstimmend mit Gedanken verbunden, die auf Böses, Kälte und Tod in unserem Leben hinweisen. Die Sicherheit in der Zuordnung findet ihre Belege in einer Reihe von Einzelheiten wie Schatten, kahle Bäume, tiefe Schlucht, tiefer See oder Sumpf. Gerade die Wirkung des grauen Feldes, in der der erste Teil des Jahresspruches platziert ist: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, …“, unterstützt diesen Eindruck. Aus diesem scharf abgegrenzten tristen Feld mit den abgestorbenen Bäumen führt keine Verbindung, kein Weg, zurück in die Stadt und damit in die Gemeinschaft.

Dazu im Gegensatz finden sich im rechten und oberen Bildbereich eher helle und wärmere Farbfelder. Die Ausdeutung dieses Bereiches, der das Gute, das Leben und die Hoffnung symbolisiert, ist ebenfalls übereinstimmend und wird anhand weiterer Details (Bäume, Weg, Sonnenstrahlung) und natürlich mit dem zweiten Teil des Jahresspruches: „… sondern überwinde das Böse mit Gutem.“, der auf einer goldgelben Säule seinen Platz gefunden hat, begründet.

Ebenfalls einheitlich wird der strahlende mittlere Bereich, einige erinnern sich an die Bedeutung des Goldenen Schnittes, hervorgehoben und als Hinweis auf Gott als den Ausgangspunkt alles Guten verstanden. In diesem Punkt sieht man auch die Quelle alles Guten, das selbst in den unteren Bildbereich hineinströmt und somit die Welt des Bösen zu erhellen und damit zu verändern vermag. Gottes Güte hat kein Ende, schon gar nicht, wenn sie in den oberen Teil des Bildes hineinströmt, mit dem der Himmel und die Ewigkeit assoziiert werden.

Auch ein Mangel ist den meisten Betrachtern aufgefallen. Nämlich, dass in dem Bild keine Menschen zu finden sind.

3.3. Persönliche Gesichtspunkte

  1. 3.1 Die Menschen

Ja, wo sind die Menschen? Ihr Fehlen in dem Bild wird von den meisten konstatiert, die persönlichen Erklärungsversuche sind unterschiedlich.

Die Stadt ist bunt. „Aber ich sehe keine Menschen und keine Tiere. Das bedeutet für mich – da ist kein Leben“, „… vor mir habe ich etwas Kaltes“, stellt jemand fest.

Ein anderer bildet für sich drei Fragen aus dieser Erkenntnis: „Wo sind die Menschen, die in dieser Stadt wohnen?“ – In welchem Bereich des Bildes möchte ich mich persönlich aufhalten? – Wie kann ich durch das Gute das Böse überwinden? Ich lasse die Fragen so stehen, damit sich ein jeder selbst damit auseinandersetzen kann.

„Beim genaueren Hinsehen erkenne ich, dass die Häuser viel Fenster haben und demnach viele Menschen in ihnen wohnen.“ Hier wird schon eine Lösung angeboten. Die Menschen halten sich in den Häusern auf und sind deshalb nicht zu sehen.

„Es sind viele verschiedene Häuser, das heißt, verschiedene Menschen.“

Die letzte Ansicht kommt meiner Grundabsicht am nächsten. Warum? Die Häuser sind keine wirklichen Häuser. Das Stadtbild ist kein mit der Realität vergleichbares. Das Bild zeigt uns eine Silhuette von Fassaden. Es sind keine Menschen zu sehen, richtig. Die Menschen sind die Fassaden. Fassaden, die sich in einer nicht auslotbaren Tiefe spiegeln - oder daraus hervorgehen. Wir sind mit dem Dunklen und Bösen verbunden, interpretiert eine Betrachterin.

Tragen wir nicht alle eine persönliche Fassade vor uns her? Man könnte auch sagen, wir spielen Rollen, die mit unserem eigentlichen Ich, mit unserem wahren Wesen nur punktuell etwas zu tun haben.

Spielt sich nicht unser Leben hinter persönliche Fassaden ab?

Fassade des guten Vaters, der lieben Mutter, des fleißigen Mitarbeiters, des souveränen Vorgesetzten, des überzeugten Christen, des hilfreichen Nachbarn usw. Nur nicht dahintergucken lassen. Nur nicht daran rütteln.

Gottes Licht, zu finden in seinem Wort, durch seinen Geist hat die Kraft, unser Fassadentum zu durchleuchten. Es kann das Licht seines Geistes durch die Fenster in unser Inneres dringen lassen. Damit können wir dem Bösen begegnen, es ent-decken, d.h. aufdecken und das Gute in uns auffinden und erstarken lassen.

Leben wir nicht auch als Gemeinschaft hinter Fassaden? Als Deutsche. Das Volk der Dichter und Denker, der Saubermänner, der Pünktlichen und Ordentlichen. Da täte uns ein Strahl aus Gottes Wort und seinen Geboten, der in unseren politischen und gesellschaftlichen Alltagsleben hineinleuchtet ganz gut, um Böses aufzudecken und Gutes zu entdecken.

Jesus geißelt schon die Pharisäer mit den Worten: „ Ihr Heuchler, die ihr seid wie übertünchte Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat. So auch ihr von außen scheint ihr fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht.“ (MT 23, 27/28) (vgl. Paulus:

Apg. 23,3)

Das Wort „Überwinden“ ist ein Kraftwort, d.h., es regt zu einer inneren oder äußeren Kraftanstrengung an. Wir kennen das in dem Ausspruch: „Den inneren Schweinehund überwinden.“ auf das Innere bezogen oder ein „Hindernis über-winden“ auf ein äußeres Ereignis bezogen. Jedes Mal wird verlangt, dass wir die Kräfte bündeln, uns zusammenreißen, Schwäche nicht zulassen.

Zweimal kommt dieser Begriff in dem kurzen aber dringlichen Ratschlag der Jahreslosung vor. Uns ist schnell klar, dass es schwer ist, das Böse in uns und um uns herum zu überwinden. Aber wir haben auch gute Kräfte, die es dem Bösen schwer machen, uns zu überwinden. Denn wir können widerstehen, ausweichen, taktieren, planen, Böses aufdecken, vergeben und Gutes tun.

Wir sollen klug sein, wie die Tauben, empfiehlt Jesus, seinen Jüngern. Wir können Gott um Kraft, festen Willen und viel Fantasie bitten.

Die Geschichte von David und Abigajil in 1. Sam. 25, gibt auch uns Heutigen noch ein gutes Beispiel dafür, wie man aus einem bösen Szenario etwas Gutes entstehen lassen kann.

3.3.2 Der Überwurf

Es etwas Eigentümliches, was mich an dem Bild fasziniert. Nämlich die Vierteilung, die nicht durch Linien, sondern durch eine grenzziehende Nuancierung der Farbgebung hervorgerufen wird. Das heißt, auch wenn der Eindruck entsteht, als wären Brüche oder Risse in den Gebäuden oder Feldern auszumachen, bleibt dennoch ein ganzheitliches landschaftlich und städtisch einheitliches Bild bestehen. Und es kommt außerdem eine Dynamik in das säulenartig feststehende Gebilde der Welt.

Dieser Tatbestand wird unterschiedlich gedeutet:

Es wird als eine “Sanduhr“ Gottes gesehen, der seine Güte und Gnade über die Häuser fallen lässt, wie Sandkörner.

Auch als ein Schmetterling kann dieser farbliche Überwurf gedeutet werden, der zeigt, wie sich aus einer hässlichen Raupe ein schöner Falter entwickelt und damit die Metamorphose vom Bösen zum Guten symbolisiert.

In dieser Struktur kann auch ein Kreuz erkannt werden. Die Linien kommen aus dem Dunkel und führen zum Licht des Kreuzes, womit die Finsternis des Bösen durch Christi Leben und Sterben überwunden wurde.

Es könnte aber auch gemeint sein, dass unser fassadenhaftes Leben durch die Wahrheit Christi durchkreuzt wird.

Mein Gedanke dabei war, dass in vager Form das Ying und Yang, das grundsätzlich Gegensätzliche in der Welt angedeutet werden sollte. Das war aber nur eine Ausgangsüberlegung.

Viel interessanter und tiefsinniger fand ich hinterher, dass die Welt und unser Leben aus einer ganz anderen Perspektive, wie durch einen hauchdünnen Schleier, gesehen werden können.

Das könnte bedeuten, dass diese Welt und unser Leben aus der Perspektive Gottes mit seinem Blick der Liebe ganz anders aussieht, eine völlig andere Ordnung gewinnt, als wir es vermuten. Wie schreibt es Paulus an die Korinther: Deshalb lassen wir uns von dem, was uns zur Zeit so sichtbar bedrängt nicht beirren, sondern wir richten unseren Blick auf Gottes neue Welt, auch wenn sie noch nicht sichtbar ist. Denn das Sichtbare vergeht, doch das Unsichtbare bleibt ewig. (2. Kor. 4, 18)

Noch eine kleine Nebenbemerkung, eher ein Apropos, zum Schluss.

Auffällig ist natürlich das Schriftbild. Jüngere Betrachter scheuten sich nicht einzugestehen, dass sie mit diesem Schriftbild ihre Schwierigkeiten hatten. Ich habe diese Frakturschrift absichtlich und mit einem Blick in die Geschichte ausgewählt. Diese sog.Schwabacher Frakturschrift, im 16.Jhd. entwickelt, war einst in ganz Europa und darüber hinaus in den Printmedien die bevorzugte Druckversion. Deshalb wurde sie vielfach als ‚Deutsche Fraktur‘ bezeichnet.

Durch einen Erlass der NSDAP wurde ab 1941 untersagt, diese Schrift öffentlich zu verwenden, da sie als „Judenschrift“ bezeichnet wurde. Einige Schriftsteller und die evang. Kirche hat die Fraktur bis in die Neuzeit als Widerstand gegen das Böse des Naziregimes beibehalten.

Heute lassen uns Arial und Times New Roman über die geschichtlichen Zeichen des Bösen hinwegsehen.

Gott schenke uns die Gnade, dass wir mit der Hilfe seines Geistes mehr sehen und verstehen als vor Augen ist.

 

Amen

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