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Jahreslosung 2014

    Gott nahe zu sein ist mein Glück.
Psalm 73,28 
 Bild Otto K. H. Aurin    

Bildbetrachtung zur Jahreslosung 2014

Liebe Geschwister, liebe Freunde,

1. Inspiration

Nach dem Aufhängen des diesjährigen Jahresbildes, das den Jahresspruch in Farbe und Form Ausdruck geben soll, wurde ich gefragt: „Wie lange malst du eigentlich an so einem Bild?“
Die Frage war insoweit schnell zu beantworten. „Etwa acht Tage“, antwortete ich.
Diese kleine Unterhaltung mag einen Betriebswirt, zufriedengestellt haben, vielleicht noch ein schmales Lächeln darüber geweckt haben, dass man so viel Zeit benötigt, um ein bisschen Farbe auf eine solch kleine Fläche zu klecksen.
Dennoch enthielt meine Antwort nur die halbe Wahrheit. Denn die Befassung mit dem Thema begann schon viel früher, etwa im Herbst des Vorjahres, als mir die neue Jahreslosung wörtlich bekannt geworden war. Fragen kamen mir und die Suche nach Verständnis und Antworten beschäftigte mich von da an.

 

 

Wie ist die Jahreslosung zu verstehen?
Das erste, was ich fand, war, dass dieses Bekenntnis aus einem Zwiegespräch zwischen dem Psalmdichter „Asaf“ und Gott entnommen ist. (Asaf entstammte einer alten jüdischen Familie von Musikern, Sängern und Dichtern mit langer Tradition.) Folglich handelt es sich bei der Jahreslosung eher um ein Gebet als um ein allgemeingültiges Bekenntnis.
Welche Übersetzung liegt ihr zugrunde?  
Mir lagen sechs verschiedene Formulierungen vor: Das „Gott -Nahe -Sein“ oder die „Gottesnähe“ belegten Bibelübersetzer mit folgenden Gefühlsausdrücken:  Freude / mir ist es köstlich / ist mir gut / ist mein ganzes Glück / ist mein Glück/ tut mir gut. Also keineswegs einheitlich in den Bedeutungen und Stimmungen.

Wie lassen sich religiöse Erfahrungen und Gefühle sichtbar darstellen?
Die ‚Nähe zu Gott‘ auf eine Leinwand zu bringen verbietet sich schon aus dem Bildnisverbot des Alten Testaments.
Aber auch die „göttliche Ganzheit, die alles in allem erfüllt“ (Eph.4, 23) auf knapp ein Quadratmeter Fläche zu bannen, ist eine Unmöglichkeit. Natürlich hätten wir Menschen den ‚all-einigen‘ Gott gerne in unsere kleinkarierten Systeme irgendwo untergebracht. Dann könnten wir ihn so malen, wie er uns gerade gefällt und je nach Kunstrichtung und Zeitmode ihn auch mal anders erscheinen lassen. Doch er ist und bleibt für uns der „Unfassbare“ und doch „Gegenwärtige“.

Wie ist „göttliche Nähe“ zu verstehen?  
Selbst die Bibel bezeugt, dass die Gottesnähe nicht immer „Glück“ beinhalten muss, sondern auch zu Schrecken und Verzweiflung führen konnte. „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch“, rief Petrus nach dem Fischzug. „Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst …“ (Luk. 5, 8f)


2. Persönlicher Ansatz

Ich habe mich schließlich ganz persönlich gefragt, wie und wo und wann ich mich in Gottes Nähe wiederfinden konnte.
Äußerliche Nähe finde ich in der Gemeinde, beim Hören der Predigt, während des Abendmahls, im Gespräch miteinander.
Innere Nähe im Gebet, ganz sicher. Im vertieften Lesen seines Wortes, unbestritten. In vielen Situationen des Alltags, je nach Aufmerksamkeit und Eindruck eines Geschehens. Im Stillesein.  In der Freude über seine Natur und die Wunder seiner Schöpfung.

In dieser letzten Überlegung sah ich nun einen möglichen Ansatz für eine bildnerische Umsetzung. Denn natürliche Erscheinungen lassen oftmals recht anschaulich festhalten.
Also Fotos durchsuchen: Blumen und Tierfotos, Aufnahmen von Gewittern, Nebel, Schnee und Eis, Gebirgsketten und Meereswogen.
Schließlich stieß ich auf einige der angeblich kitschigsten und doch auch fantastischsten Motive: Sonnenauf – und –untergänge. Aber ich fühlte mich damit auch auf gesicherten biblischen Boden. Denn im Ps. 50,1 verweist wiederum der Psalmist Asaf auf Gottes Wunsch nach Nähe mit den Menschen: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang ruft der Herr (der Welt) den Menschen zu….Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes.“

3. Ein Stimmungsbild

Sie haben bestimmt alle schon einmal einen Sonnenuntergang beobachtet. Wann und wo haben sie einen Sonnenuntergang erlebt, der sie wirklich tief beeindruckt hat? Wie haben Sie sich dabei gefühlt? Welche Gedanken gingen ihnen dabei durch den Kopf?

Ein derartiges Naturschauspiel erlebt man i.d.R. nicht zufällig und nebenbei- das kann auch vorkommen. Ein wirkliches Erlebnis wird es mir erst, wenn ich mich innerlich darauf einstelle. Ich versuche, den richtigen Zeitpunkt abzuschätzen, kalkuliere die Wetterlage ein, schaue nach einem passenden Ort irgendwo im
Abseitigen, nehme mir Zeit für das Ereignis, distanziere mich von den alltäglichen Ansprüchen, suche die Ruhe und Stille, kehre mich nach innen.
Man fühlt sich aufgenommen in diesem Spiel der Farben, in der Pracht der Strahlen. Man ist in diesem Moment kein Zuschauer, sondern Teilnehmer, selbst ganz in dieses Geschehen einbezogen. Und oft sieht man Menschen, die sich stehend oder sitzend umschlungen halten, den Blick in die Ferne gerichtet, die intensive Nähe, die Liebe spüren. Auf ganz natürliche Weise fühlen wir uns dem Schöpfer und seiner wunderbaren Schöpfung verbunden.
Es ist ein meditatives Geschehen. So wie die Sonne hinter dem Horizont versinkt, ihre letzten Strahlen über die Landschaft, die Bergkuppen oder Meereswogen gleiten lässt, so versinkt auch das Licht des Tages allmählich in unserem Inneren.
Ja, es wird oft auch symbolisch als Abscheiden aus dem Leben, dem Sterben, verstanden und auf Trauerkarten bildlich dargestellt. (Hinweis auf Gedicht von Ingeborg Bachmann: „Die große Fracht“)

Ein Gespräch über das physikalische Zustandekommen solch wunderschöner Farbspiele, über das Verschwinden der Sonne hinter der Erdkrümmung und über die Raylight-Streuung der Blaupigmente würde dem Naturerlebnis nicht gerecht.
In solchen Momenten wird der „Kern-und Mehrwert des Lebens“ in der Gemeinschaft, Religion und Kunst gegenüber einer rein materialistischen Auffassung der Welt deutlich.

4. Bildbetrachtungen

Dieser Impuls eines Sonnenuntergangs am Meer kam mir sehr entgegen. Doch wie jedes künstlerische Werk seine Wirkung aus dem Spiel zwischen Regel und Willkür gewinnt, so trägt auch dieses Bild diese Spannung in sich.

4. a) Die Wirkung der Farben

Weil Gott, Nähe, Glück und Freude nicht gegenständlich darstellbar sind, griff ich auf die Aussagekraft und Wirkung von Farben zurück. Denn wie Töne in der Musik die Hörer beeinflussen, so stimulieren auch bestimmte Farben, die in eine flächenmäßige Verteilung und Ordnung gebracht wurden, die Betrachter zu bestimmten Gefühlen und Überlegungen.
Das geht auch aus den Ansichten und Stellungnahmen von sieben Gottesdienstbesucher/inn/en hervor, die sich mit dem Bild auseinandergesetzt und mir ihre Ideen und Eindrücke mitgeteilt haben.

Andrea Cz.: Das Bild ist zu zwei Dritteln in Blautönen gehalten, … das Gelbe, Strahlende, springt mir sofort in die Augen.

Petra S.:     Die Farbe des Himmels ist ein sehr schönes Blau, das ist die Farbe der Treue. Das obere Drittel ist ein sonniges Gelb, …das steht für Helligkeit, Lichterschein…

Familie  E.:      Das Blau ist vergleichbar mit den Tiefen des Ozeans, es stellt die Tiefen der menschlichen Welt dar. Gelb stellt das göttliche Licht dar.

Ilse A.:  Am unteren Rand des Bildes befinden sich in tiefster Dunkelheit die Menschen.

Nach diesen Zitaten meint man sich an Vincenz v.Gogh erinnert: „Wie schön ist doch Gelb. …Derartige Bilder sind voller Symbolismus, dass man sie nur noch religiös nennen kann,…Die allgegenwärtige Sonne vermittelt den Eindruck, das alles Leben unter dem Einfluss eines mächtigen fremden Willens steht.
(Brief an seinen Bruder Theo 1888) aus: Van Gogh –Kompakt-
Belser Verlag, Stuttgart

Interessant, dass niemand einen Sonnenuntergang in dem Bild erkannt hat. Das ist auch verständlich und gut so. Denn es lag nicht in meiner Absicht, einen realistischen Sonnenuntergang nachzumalen. Die Fotos boten lediglich Anregungen zur Komposition eines ungegenständlichen Bildes, das nicht mit der Realität verglichen werden sollte. Die Farben und Flächen sind entscheidend, um im Betrachter Gedanken und Gefühle anzuregen.
Greifen wir deshalb kurz auf die Farbenlehre unseres Dichterfürsten J.W.v. Goethe zurück, der eine über 2000 Seiten umfassende Abhandlung darüber geschrieben hat.
Goethes Farbtheorie fußt auf den elementaren Gegensatz von Hell und Dunkel, wie wir es aus dem Schöpfungsmythos kennen. Demnach liegt Gelb „zunächst am Licht“, also Nahe am Licht und Blau „zunächst an der Finsternis“, also Nahe am Dunkeln. Die Farben entstehen aus den Mischungsverhältnissen zwischen Helligkeit und Finsternis. Nach Goethe gibt es nur zwei reine Farben, nämlich Gelb und Blau. Rot (Purpur) kommt als Grundfarbe, die nicht aus anderen mischbar ist hinzu.
Die Ansichten unserer Interpreten haben also einen kompetenten Fürsprecher und Zeugen.

Das Bild verweist demnach in den verschiedenen Farbnuancierungen auf die göttliche Sphäre und menschliche Welt, was nicht materiell, sondern geistig – seelisch, religiös, zu verstehen ist. Es enthält aber auch viele Zwischentöne, die eine eindeutige und endgültige Grenzziehung nicht zulassen.
Der Bereich der verschiedenen Türkisschattierungen liegt wie eine Eisschicht oder wie unruhige Meereswogen zwischen den großen Farben und hält diese auf Distanz.
Wie die Farbe Türkis überhaupt in ihrer psychologischen Wirkung einerseits als edel und originell, andererseits als unterkühlt und sensibel empfunden wird.

Horst T. drückt sein Empfinden sinngemäß mit den Worten aus: Das geht unter die Haut. Dies erinnert mich an eine Haut, die von einer Spritze durchstoßen wird.

4. b) Die Ordnung der Flächen

Ein unruhiger gelber Pinselstrich, gedanklich angelehnt an den letzten Sonnenstrahl, der sich während eines Sonnenuntergangs auf die Meeresoberfläche legt, teilt das Bild in der Mitte. Er durchstößt geradezu vom hell weißen Punkt ausgehend die Zwischendecke und reicht bis in die dunkelste Tiefe- oder besser- Nähe des unteren Bildrandes. Er stellt eine Verbindung her, zwischen Oben und Unten. Eine Verbindung, die sich andeutungsweise als großes Kreuz, das das ganze Bild strukturiert, erkennen lässt. So sehen das die Interpret/inn/en:

Andrea Cz.:Ein wenig erinnert mich die Bildaufteilung auch an ein Kreuz. Gott ist uns in Jesus nahe gekommen. Er hat den Himmel, das Helle, die Herrlichkeit verlassen, um zu uns Menschen ins Dunkle zu kommen.

Ilse A.: Es ist ein Glück für uns Menschen, dass Gott allen Menschen nahe sein möchte und so durchdringt Gottes Licht, durch Jesus, wie ein Schwert unsere Dunkelheit und stellt so eine Verbindung zu Gott selber her.

Ähnlich versteht es auch Martina S., die in dem gelben Strahl das „Gottes Wort wie ein scharfes Schwert“ sieht.

Doch ist dieser Strahl nicht gleichmäßig gelb gefärbt. Es gibt Stellen, die Eintrübungen enthalten. Familie E. deutet dies als: manchmal ist das Licht verwaschen, das deutet auf Zweifel und Probleme hin, wir sehen Gott nicht ganz.

Petra S. versteht diesen gelben Strich als eine „Säule“ durch die die Bildebenen miteinander verbunden sind.
Und einen interessanten weiteren Verständnisansatz trägt Andrea Cz. bei, indem sie an die Feuersäule erinnert, in der Gott seinem Volk seine Fürsorge und Nähe ganz sichtbar werden ließ. Mich erinnert das Bild auch an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, als Gott das Meer für die Israeliten teilte. …Im übertragenen Sinne könnte es bedeuten, dass Gott unsere jeweils schwierige Lage, unsere Probleme, Sorgen und Nöte zerteilt, den Blick öffnet, und uns einen Ausweg zeigt, hin zu ihm, unserem Glück.

4. c) Interessante Details

Unser Leben verläuft in einem dauernden Wechsel zwischen Planungen und Abweichungen, zwischen Ordnungen und Zufällen, zwischen Regeln und Willkür. In dieser Spannung stehen und leben wir. Diese Spannung lässt auch dieses Bild erkennen.
Von mir unbeabsichtigt haben sich durch den unkontrollierten Verlauf der Farben in dem unteren Bereich der blauen Felder zufällig zwei hellere Flecken ergeben. Diese hätte ich problemlos übermalen können. Meine Frau meinte, darin menschliche Köpfe erkennen zu können. Warum nicht, dachte ich mir und tupfte beliebig noch einige weitere hellere Flecken heraus. In diesen sich zufällig durch Abstand und Nähe ergebenden Gruppierungen, meinten nun alle beteiligten Interpreten verschiedene Menschengruppen erkennen zu können.

Familie E.: Vier Menschengruppen lassen sich erkennen:
Links         -     in sich abwendender Haltung
Links mitte     -    in der Nähe des Lichtes, aber in sich gekehrt
Mitte rechts     -    Gott zugewandt
Rechts außen      -    in Bewegung auf Gott zu

Diese Sichtweise hat in ähnlicher Differenzierung auch Andrea Cz. Für sich gewonnen.
Martina S.: Beim zweiten Blick sehe ich am unteren Bildrand Menschen. Die alle in den Himmel wollen. Aber sie scheinen zum Teil auf der falschen Seite zu stehen. Es gibt ein Rechts und Links- oder  Oben und Unten.


5. Schlussüberlegungen

Es könnten noch einige weitere Aspekte aufgegriffen, andere weiter vertieft oder differenzierter betrachtet und ausgeführt werden.
Es mag durchaus sein, dass dieses Bild dem ein oder anderen überhaupt nicht zusagt und dass auch eine eingehendere Betrachtung wenig Überzeugungskraft bietet.
In diesen Fällen kann ich nur auf das Schriftbild verweisen, das ebenfalls in dem Gelb-Blau-Kontrast die Jahreslosung deutlich hervorhebt. Der farbige Hintergrund kann entsprechend als dekorative Fläche für den Jahresspruch angesehen werden. Ich habe auch die andere Meinung gehört: „Ein sehr schönes Bild, nur schade, dass der fromme Spruch darauf steht.“

Für mich war und ist es eine gewinnbringende meditative Übung und geistige Auseinandersetzung, die mich sicher noch längere Zeit beschäftigen wird.
Mit „etwa acht Tagen“ ist das nicht zu erledigen.

Ich hoffe und wünsche, dass mit dem Bild und durch das Wort die Botschaft von Gottes Liebe und Nähe, in welcher Weise auch immer, jedem Betrachter etwas näher gekommen ist.

Amen