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Jahreslosung 2015

    Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Röm 15,7
 Bild Otto K. H. Aurin   "Bilder nur für private und nicht kommerzielle Zwecke."

Bildbetrachtung zur Jahreslosung 2015 

 

am 15.02.2015

Liebe Geschwister, liebe Freunde

Hinführung:

„Nafea faa ipoipo“ ist zur Zeit das teuerste Bild der Welt. Gemalt hat dieses Bild der französische Künstler Paul Gauguin (1848 – 1903) i.J. 1892 auf Tahiti. Dargestellt sind zwei junge einheimische Frauen,
zwischen denen die Frage steht: Wann heiratest du? Das Bild wurde in den letzten Tagen zu einem Rekordpreis von 300 Millionen Dollar versteigert.

Da fragt man sich doch mit Recht in unserer so aufgeklärten und vom Materialismus bestimmten Zeit: Worin liegt der Wert eines solchen Bildes?
Ist es das Motiv, das Alter, der Künstlername, die Machart, der Kunststil?

Keiner dieser Gründe wird für sich zutreffen. Die Antwort ist einfacher. Es ist der Markt. Kunstobjekte sind Spekulationsobjekte, verbunden mit einem Risiko.
Natürlich kann ein Vorstand durch solch ein Bild im Empfangsbereich oder hinter dem Schreibtisch seine Geschäftspartner beeindrucken, und vielleicht macht es sich auch irgendwie bezahlt,
wenn bei Verhandlungen Millionen über den Tisch geschoben werden.

Bildbetrachtung in der Gemeinde

Auch wir als Gemeinde versuchen schon seit Jahren, Bilder, Kunstwerke im Rahmen der Verkündigung, bei Andachten und persönlichen Besinnungen einzusetzen.
Der Wert liegt dabei nicht im materiellen Bereich, sondern in seiner Aussagefähigkeit, in seiner Anregungsqualität, eigene Gedanken und Ansichten im Zusammenhang mit der christlichen Botschaft zu entwickeln.

Dies trifft auch auf die mündlichen und schriftlichen Stellungnahmen zu, die zu den Eindrücken des Jahresbildes 2015 eingegangen sind.
Für alle Rückmeldungen von kurzen Äußerungen über Gespräche und schriftliche Ausführungen bedanke ich mich ganz herzlich.

Dabei waren auch einige nette, gut gemeinte kurze Äußerungen wie:

„Mit dem Bild komme ich gar nicht zurecht.“

„Mit dem Bild kann ich nichts anfangen. Ich möchte gerne wissen, was du dir dabei gedacht hast.“

„Für mich ist Bild wie ein Spiegelei.“

„Das ist das harmonischste Bild, das du bisher gemalt hast.“

„Das Rot mit der Sonne sehe ich als die unerschöpfliche Liebe Gottes. Ist richtig, oder?“

Als erste Meinungsbekundungen durchaus wert, notiert zu werden.

Bedeutung der Bildbetrachtung allgemein

Ein jedes Bild trägt seine Botschaft in der Art und Weise in sich, wie sie der Maler auf die Leinwand gebracht hat. Die bildhaften Zeichen von Farben und Konturen, vielleicht noch die Malweise, sollten zur Verständigung ausreichen. 
Mehr hat ein Bild nicht zu bieten. Das wirkliche Verstehen findet in Kopf und Herz der BetrachterInnen statt. Das ist in der Literatur, Musik und sogar bei einer Predigt nicht anders.
Dennoch gibt es in der jeweiligen Art der Verständigung geübte und weniger geübte Leute, kenntnisreiche und weniger beschlagene Menschen. Das hat nichts mit Schulabschluss oder Intelligenz zu tun.
Denn gerade das bildnerische und musische Arbeiten hat im Umgang mit Behinderten und Kindern einen ganz hohen Stellenwert. Sie können Musikstücke und Bilder oft in einer viel tieferen
und emotionaleren Weise verstehen als ein Vorstand, der nur sein Renomme oder den Marktwert im Auge hat.

Deutung des Jahresbildes

Bei dem Jahresbild steht der überkonfessionell akzeptierte Jahresspruch als Ausgangspunkt der Überlegungen für die bildnerische Gestaltung. Angestrebt ist, die biblische Botschaft so in die Bildsprache umzusetzen, 
dass sie inhaltlich erkannt und verstanden wird. Andererseits sollte das Bild dazu anregen, die biblische Aussage zu befragen und in ihren Details zu untersuchen, was zu neuen Einsichten, genaueren Überlegungen,
tieferen Wahrnehmungen führen kann. Dass hierbei der Gedankenaustausch und Kontakt zwischen den BetrachterInnen innerhalb der Gemeinde gefördert wird, ist der erfreuliche Zusatzgewinn.
Auch wenn bei Bildbetrachtungen über vieles diskutiert werden kann, gibt es doch einige Aspekte, die klar auf der Hand liegen und die allgemein gut nachvollzogen werden können. 
Bei anderen Vorstellungen und Überlegungen ist ein intensiverer Gedanken-austausch erforderlich, weil es dabei um Meinungen, Lebensansichten, religiöses und geistliches Verständnis geht.

Fragen an uns

An dieser Stelle können wir schon die Jahreslosung zu uns sprechen lassen und uns fragen:
- Bin ich bereit, die Meinung der/des Anderen wirklich anzunehmen – oder fühle ich mich aufgefordert, sofort zu korrigieren, richtigzustellen, belehren zu müssen?
- Nehme ich mir die Zeit, mich in die Vorstellungswelt meines Gegenübers hineinzufinden – oder ist mir das zu abstrus, abgedreht, abwegig, modernistisch, verwirrt?
- Gebe ich mir Mühe, die Situation, Probleme, Sorgen meines nächsten Mitmenschen zu verstehen- oder weiß ich sofort, bei wem die Schuld und das Versagen zu suchen sind und welche Maßnahmen, alternativlos, zu ergreifen sind?

Die Bildwelt

Die Bildfläche wird von drei kräftigen Farben beherrscht.
Grün –Rot –und Weiss.
Die Nuancierungen in jedem Farbbereich verweisen darauf, dass durch die Tönungen bestimmte Bedeutungen angezeigt werden, die bei den BetrachterInnen unterschiedliche Vorstellungen und Deutungen veranlassen.
Ebenso regt die konturenhafte Gestaltung der Farbflächen zu persönlichen Sichtweisen an. Was der/die eine als Figur oder Gegenstand zu erkennen meint, mag einer/einem anderen als zufälliger Verwischer, 
Farbverlauf oder spielerischer Exkurs erscheinen.

Das Grün

Das Grün nimmt den größten Teil des Bildraumes ein. Es ist kein sauberes Grün, sondern ein mit Gelb, Braun, Grau gemischtes. Mit den Helligkeitsgraduierungen ergibt sich eine Struktur, 
die eine gedankliche Verbindung zur Erde oder zum irdischen Bereich anregt. So sieht Herr K. die Erde in einem aufgebrochenen Urzustand. Die angedeuteten Figuren/Menschen,
wie biblisch bezeugt, als „von- der -Erde -Genommene“ an. Dass es sich insgesamt um die Lebenswelt und –grundlage der Menschen handelt, darin sind sich alle BetrachterInnen einig.

Das Weiß

Unterschiedlich sind die Meinungen bezüglich der Ausdeutung der weißen Fläche. Einige konnten damit gar nichts anfangen, andere hatten sofort eine Assoziation zu ihrem letzten Skiurlaub, indem sie ein Gletschergebiet vor Augen hatten. 
Herr T. bezeichnete den „Berg“ als „Mount Blanc“, womit der „Weiße Berg“ identifiziert wäre. Herr F. hat ebenfalls die Vorstellung eines „Gebirgsmassives“ und „Schneefeldes“ vor Augen,
stellt aber gleichzeitig die Farbe Weiß als die „Farbe der Welt Gottes“ heraus. Dazu verweist er u.a. auf eine Vision des Propheten Daniel, der eine Gestalt, deren „Gewand weiß war wie Schnee.“(Dan.7.9) sah.
Aber auch an die prophetische Verheißung in Jes.1, 18 erinnert Herr F. in der es heißt: „Wenn eure Sünde auch blutrot ist, so soll sie doch schneeweiß werden.“
Damit spricht er zugleich die Symbolik des Aufeinandertreffens der roten und weißen Farbflächen an.
Einen ganz anderen Blick wirft Frau C. auf diese Bildstelle. Ihren Eindruck legt sie so dar: „Es wirkt so, als ob etwas aufgerissen wird und dahinter etwas Besonderes, Schönes beginnt. 
Es wirkt so als wenn gemaltes Papier ‚zurückgeklappt‘ würde.“

Plakatwand

Damit kommt sie meinem persönlichen Ausgangsmotiv sehr nahe. Meine Anregung habe ich nämlich einer plötzlich aufgetauchten Idee zu verdanken. 
Die ist mir gekommen (geschenkt worden?) als ich an einer Plakatwand in unserer Stadt vorüber ging. Größere und kleinere Teile der Werbeseiten hingen in Fetzen herunter.
An einigen Stellen waren vier, fünf, sieben Plakate übereinander geklebt, eingerissen schlugen sie im Wind. Zerrissene Gesichter von Prominenten, Bruchteile von Worten und Sätzen,
feuchte Klebmasse, ausgewaschene Farben, zeronnene Schriftzüge. Wie viele Versprechungen, Mahnungen, Aufrufe, Werbungen, Einladungen, Fotos von Menschen, Tieren und Dingen kleben da übereinander.
Alles nichtig. Alles überholt, vergänglich. Und erblickt man schließlich den untersten Grund, dann erkennt man grauen schimmeligen Beton oder gewellte, verzogene Holz- oder Papptafeln.
Ich hielt dies für ein passendes Bild unserer Zeit, für eine moderne Metapher der verlorenen Menschheit.
Die Affichisten (Plakatkünstler) haben diese Ideen in den 30er und 60er Jahren schon in gesellschaftskritischer Absicht zu einer Kunstrichtung entwickelt.

Das Rot

Doch mit diesem tristen verschimmelten Grau als letzten Grund konnte ich mich nicht zufriedengeben. Als Christ weiß ich, woher die Hilfe kommt. 
Deshalb habe ich den Hintergrund auf dem Jahresbild in dem hoffnungsvollen Rot gemalt, mit dem Kreis einer Sonne.
Hier werden wir an „Christus die Gnadensonne“ (Herr F.) erinnert, an „Gottes Liebe und Nähe zu uns Menschen“ (einige BatrachterInnen). Von der „Glut der Liebe“ schreibt Frau A. in ihrer Betrachtung.

Fragen an uns

An dieser Stelle dürfen wir fragend einen Augenblick stehen bleiben, denn hier findet sich der Teil der Jahreslosung, der von dem Angenommensein in Christus spricht.
- Bin ich mir dessen gewiss, dass ich von Christus angenommen bin – oder hege ich nicht doch Zweifel an der Liebe und Gnade Gottes? 
Es ist die 1.Frage im Heidelberger Katechismus: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? – Daß ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“
- Kann man die Botschaft von Gottes Schöpferkraft und seiner Liebe, Gnade und Vergebung wirklich so hinnehmen und verstehen, wie sie verkündigt wird?
- Welche Bedingungen hat Christus, unser Vorbild, gestellt bevor er sich mit der Ehebrecherin, dem Zöllner, dem heidnischen Hauptmann, den Aussätzigen, den Verwirrten und Kranken, den Kindern befasst hat? 
Sind wir noch in der richtigen Spur?

Der Riss

Ein letzter Aspekt der Bilddeutung und dies ist gleichzeitig auch der tragischste und hoffnungsvollste. 
„Der Riss“, so könnte man das Bild betiteln, denn alle BetrachterInnen haben diesen Bildteil engagiert aufgegriffen und dazu wichtige Ideen geäußert.
Das Wort des Paulus wäre nicht erforderlich gewesen, wenn nicht dieser unendlich weitreichende Riss zwischen Gott und den Menschen und dadurch auch zwischen den Menschen bestehen würde. 
Herr K. meint: „Der Schritt der Begegnung beider Menschengruppen auf dem Bild ist nicht groß.“ - Dagegen vertritt Herr T. die Meinung, dass alle eigenen Versuche der Menschen, diesen Riss zu umgehen, 
zusammenzukleistern, zu heilen, zum Scheitern verurteilt sind. - Und Herr O. äußert sich ganz klar: „Wenn wir uns nicht so annehmen, wie Christus uns angenommen hat, wird der Riss zwischen den Menschen immer größer“.
 
Herr D. geht gleich noch ein Stück weiter, indem er festhält: „Ein sehr schönes Bild, denn es zeigt mir, wie die Liebe Gottes den Menschen einen Weg aus der Finsternis weist. 
Durch den Spalt der Hoffnung wird uns der Blick in Gottes Welt eröffnet. - So ähnlich sieht es auch Frau A., indem sie mündlich erläutert, dass dieser gemalte Riss sie an den Riss im Vorhang des Tempels erinnert,
der zum Zeitpunkt des Sterbens Jesu, den Blick in das Allerheiligste freigab. Und das sei Gottes vergebende Liebe.

Die andere Seite Gottes

Ja, in der Weise, wie der lebende Christus die Menschen seiner Zeit angenommen hat, hat er gezeigt, wie Gott, der Vater aller Menschen, zu seinen Geschöpfen steht. 
Christus hat uns die andere, die grenzenlos liebende Seite Gottes gezeigt, der uns annimmt, ohne Vorbedingungen zu stellen. Darin war er mit seinem Vater vollkommen einig (eins).
Deshalb ist er unser Vorbild, hier im wortwörtlichen Sinne, und wir dürfen Gottes Liebe in dieser Weise weitergeben. 
Zu Gottes Ehre und zu seinem Lob.
Amen